Rückfälle bei Angststörungen – Wie du am besten mit Rückfallen umgehen kannst5 Minuten Lesedauer

Du wirst es sicherlich kennen: ein paar Tage fühlst du dich, als hättest du dein altes Leben zurück, doch dann wirst du wieder von Ängsten und Panik heimgesucht.

Wahrscheinlich wirst du es nicht glauben, aber oft sind diese Rückfälle etwas Gutes.

Ich möchte dir zeigen, wie du diese Rückfälle positiv nutzen kannst und sie keinen negativen Einfluss mehr auf dich haben.

 

Wieso kommt es zu Rückfällen?

Angst wie auch Panik ist immer direkt mit Stress verbunden. Ohne Stress kann es weder Angst noch Panik geben. Alle Symptome die wir bei Angst oder einer Panikattacke fühlen, sind genau genommen Stresssymptome. Stress kann nicht nur durch äußere Faktoren wie zum Beispiel Schmerz und Lärm ausgelöst werden, sondern entsteht meistens durch die fehlende Kontrolle über die eigene Gedankenwelt oder schlichtweg eine falsche Perspektive.

Je nach Grundanspannung (die zum Beispiel durch alltäglichen Stress) entsteht, ist der Weg zum Angstzustand oder einer Panikattacke kürzer oder länger. Ein höhere Grundanspannung macht den Weg zur Angst und zur nächsten Panikattacke kürzer. Eine niedrige Grundanspannung macht den Weg zur Angst und zur Panikattacke länger. Hatten wir eine lange Zeit Ruhe vor den Symptomen der Angststörung, liegt das mit großer Wahrscheinlichkeit an einer niedrigen Grundanspannung. Unser Stressfass wurde quasi nie bis obenhin gefüllt. Dass unsere Grundanspannung einen Tiefpunkt erreicht, kann folgende Gründe haben:

  • Durch Ablenkung ist die Angst und somit auch der Stress in den Hintergrund gerückt. So werden keine Stresshormone durch negative Gedanken ausgeschüttet.
  • Wir haben ein Bewusstsein für unseren Stress entwickelt und können durch aktives Handeln unseren eigenen Stresspegel regulieren.
  • Durch einen körperlich sowie geistig gesunden Lebensstil halten wir unser Stressniveau bzw. unsere Grundanspannung konstant unten

Häufig kommt es zu Rückfällen, wenn wir anstatt zu leben, unserem Kopf wieder grünes Licht geben, uns ins Chaos zu stürzen. Auch dies kann mehrere Ursachen haben. Wenn man von einem positiven Mindset in ein negatives Mindset verfällt und sich auf die negativen Aspekte konzentriert, sorgen diese negativen Gedanken dafür, dass kontinuierlich Stresshormone ausgeschüttet werden.

Das Gleiche passiert, wenn die Ablenkung nachlässt und wir mit uns selbst konfrontiert werden. Wenn man in solch einer Situation nicht in der Lage ist, sich selbst zu reflektieren, kann es schnell wieder dunkel werden. Meistens stellt man fest, dass Leute einen Rückfall erleben, nachdem sie einer stressigen oder belastenden Situation ausgesetzt waren. Wo wir wieder beim Thema “Stressfass” wären. Aber dich interessiert wahrscheinlich viel weniger, wieso es zu Rückfällen kommt, als der Schlachtplan, den man bereithalten sollte, wenn es soweit ist.

Wie sollte man auf Rückfälle reagieren?

Ich weiß, es ist leichter gesagt als getan, aber sobald nach längerer Zeit mal wieder eine Panikattacke auf dich herabregnet, solltest du erst einmal Ruhe bewahren. Das geht meiner Meinung nach am besten mit einer ordentlichen Atemübung. Wenn du keine Ahnung hast, wovon ich rede, dann schau’ mal in meinem Beitrag zum Thema Atemübungen vorbei.

Ein Rückfall ist kein Schritt nach hinten, sondern ein Schritt nach vorne. Bevor du dich also wieder in Gedankengänge à la “jetzt fängt das wieder an” oder “ich habe gedacht es ist vorbei” verwickelst, solltest du dir klarmachen, dass Rückfälle einfach zum Heilungsprozess dazugehören. Ich kann dir eine kurze Geschichte von mir erzählen, die dir den Unterschied zwischen einem “Schulterzucken” und einem Zusammenbruch bei einem Rückfall zeigen soll. Besonders am Anfang meine Angststörung (ca. die ersten beiden Jahre) war ein Rückfall nach einer kurzen symptomfreien Zeit für mich der Auslöser dafür, mich wieder wochenlang in Selbstmitleid zu suhlen und meine Opferrolle zu zelebrieren. Gegen Ende meiner Angststörung wurden Rückfälle dann nur noch mit einem Schulterzucken akzeptiert.

Der Unterschied: Sobald du einen Rückfall als normalen Prozess auf dem Weg der Heilung betrachtest, verliert dieser stark an Macht und anstatt dich wochenlang in ein schwarzes Loch zu werfen, wachst du am nächsten Tag wieder frisch und erholt auf. Es ist generell so mit der Angst, dass sie nur soviel Macht hat, wie wir ihr geben. Hinzukommend sei gesagt, dass du einen Rückfall nicht als alleinstehende Situation betrachten solltest, sondern als Teil der Besserung/Heilung. Wenn du einen Rückfall als separates, traumatisierendes Erlebnis bewertest, ziehst du dich unnötig an dieser Situation auf und sie schadet dir mehr, als sie dir hilft. Die Perspektive zählt!

Erinnere dich an frühere Erfolge

Besonders nach Rückfällen und in schlechten Zeiten neigen wir dazu, zu vergessen wie stark wir eigentlich sind. Aus diesem Grund ist es wichtig, sich klarzumachen, was man schon alles unbeschadet überstanden hat. Und genau an diesen vergangenen Erfolgen solltest du festhalten. Wenn du einen Rückfall überstanden hast, überstehst du auch weitere. Und je mehr es sind, desto leichter steckst du den nächsten weg. Eine Angststörung ist ein stetiger Lernprozess. Je öfter man die Dinge konfrontiert, vor denen man Angst hat, desto weniger Macht hat die Angst.

Rückfälle sind etwas Gutes!

Wahrscheinlich wirst du mir hier nicht auf Anhieb zustimmen, aber Rückfälle sind etwas Gutes. Denn sie zeigen dir, dass du dich auf dem richtigen Weg befindest. Dazu muss ich kurz sagen: “Auf dem richtigen Weg” nicht auf kurze Sicht gesehen, denn Stress ist nie etwas Gutes (und schließlich hat der Stress diesen Rückfall ausgelöst), sondern auf lange Sicht.

Ich habe es mir immer folgendermaßen ausgemalt. Eine Angststörung ist wie ein Hund. Wenn du gelernt hast, ihr keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken, wird sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um deine Aufmerksamkeit wieder zu erhalten und ihr somit noch mehr Macht zu geben. Die Angst handelt dann nach dem Schema: “Ach, davor hat er/sie keine Angst mehr? Wie wäre es mal mit ein paar neuen Symptomen?” oder “hey, die Panikattacken waren wohl noch nicht stark genug. Machen wir sie mal eine ganze Spur schlimmer”. So will die Angst sichergehen, dass du ihr wieder deine Aufmerksamkeit zukommen lässt und ihr wieder die Macht gibst, die sie braucht, um zu existieren. Das ist zugegebenermaßen wahrscheinlich kein wissenschaftlicher Ansatz, aber definitiv ein philosophischer.

Hinzukommend muss ich sagen, dass mich genau dieses Mindset immer sehr motiviert hat, wenn es mal wieder einen Rückfall gab. Mittlerweile lebe ich ca. 2 Jahre ohne Angst und Panik bzw. ohne krankhafte Angst und Panik. Was viele Betroffene verlernt haben zu verstehen ist, dass auch gesunde Menschen gute und schlechte Tage haben. Auch ich habe Tage, an denen ich ohne Ende gestresst bin. Ich verfalle dadurch aber nicht mehr in Angstzustände oder Panikattacken.

Angst ist natürlich

Ein weiterer Punkt auf den ich kurz eingehen will ist folgender: Eine Angststörung ist eine Störung, aber Angst ist etwas absolut natürliches. Und genau aus diesem Grund sollte man versuchen, sich nach einer symptomfreien Zeit nicht an einer Angst aufzuziehen. Diese muss nämlich nicht immer Teil der Störung sein, sondern kann von ganz normaler Natur sein. Ich kenne es ja selbst. Ist man von dieser Störung betroffen, wird alles als Bedrohung wahrgenommen. Dies beinhaltet auch völlig normale Sachen wie zum Beispiel:

  • Nervosität
  • Schlechte Laune
  • Angst
  • Müdigkeit

Das sind Sachen, die auch ein gesunder Mensch erlebt. Angstpatienten neigen jedoch häufig dazu, genau diese Aspekte zu überbewerten. Auch hier kann Selbstreflexion ein ganzes Stück weiterhelfen. Denn dadurch lernen wir zu unterscheiden, ob die “Symptome” normal sind oder ob sie der Störung zuzuordnen sind.

Zum Schluss noch eine kleine Zusammenfassung, wie du mit Rückfällen umgehen solltest:

  1. Wenn es zu einem Rückfall kommt, heißt es “Ruhe bewahren” -> Atemübung
  2. Nicht jedes Symptom ist der Angststörung zuzuordnen
  3. Mache dir bewusst, dass Rückfälle zum Heilungsprozess dazugehören
  4. Halte dir vor Augen, was du schon alles überstanden hast
  5. Akzeptiere den Rückfall und nimm ihm so jegliche Macht

 

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6 Comments

  • Kay

    Reply Reply 9. September 2018

    Ein sehr hilfreicher Beitrag für alle Betroffenen, mit guten Tipps wie man Angststörungen in den Griff bekommen kann.
    Ich selbst litt in meiner Jugend an Panikattacken, habe sie jedoch letzten Endes überwunden, da sie irgendwann einfach verschwunden sind, ohne psychologische Begleitung oder Medikation. Dafür bin ich sehr dankbar.

    Liebe Grüße, Kay
    http://www.twistheadcats.com

  • Alexa

    Reply Reply 21. November 2018

    Danke für den Beitrag, genau zum richtigen Zeitpunkt habe ich es gelesen. Verfalle gerade in eine Depression, weil Ängste die ich genau vor einem Jahr gehabt habe und dachte ich bekämpfe sie langsam jetzt plötzlich wieder da sind. Ich dachte schon alles war umsonst und ich muss wieder neu anfangen. Danke, jetzt ist mir einiges klar geworden. Bin beruhigt.

  • Wiebke

    Reply Reply 19. Januar 2019

    Hallo Andre,

    ich bin zum richtigen Zeitpunkt auf deine Seite gestoßen. Vor 3 Jahren kam bei mir urplötzlich eine Angst und Panik Störung mit Depressionen. Ich hatte auch über ein Jahr gebraucht, um aus dem richtigen Tief rauszukommen. Dann hatte ich es endlich mit den richtigen Medikamenten und Therapie geschafft und war fast 2 Jahre lang stabil. Doch ab und zu kam es mal wieder durch. Ende letzten Jahres hatte ich einen sehr starken Rückfall der mich fast bei null anfingen ließ. Durch deine Seite ist mir jetzt vieles klar geworden.

    1. Meine “Rückfälle” hatte ich immer nur nach starkem Stress und Vernachlässigung meines Selbst. Ich bin von Natur aus zu unruhig und daran muss ich jetzt arbeiten.

    2. Ich habe zwar gelernt wie ich die Symptome bekämpfe, aber wie du es schon beschrieben hast, habe ich nie etwas gegen die Ursache, also meinen schlechten Lebensstil getan, weil es mir niemand gezeigt hat.
    Dadurch weiß ich, dass solange ich nichts gegen den Grund tu, ich auch nie richtig gesund werden kann.(Und auch mir wurde immer gesagt das meine Angsterkrankungen nicht geheilt werden kann, sondern nur lerne damit besser umzugehen)

    3.Immer wenn ich einen Schritt nach hinten mache und es mir wieder schlechter geht,falle ich in die Opferrolle. Dein Beitrag hat mir die Augen geöffnet.
    Was oft mein Problem ist, ist wenn ich im Tief bin, alles versuche um da rauszukommen aber sobald ich wieder symptomfrei lebe und stabil bin, ich das vernachlässige und wieder zurückfalle. Es ist wirklich schwer sich in dieser Hinsicht zu disziplinieren. Aber durch deine Tipps habe ich endlich den richtigen Ansporn gefunden und weiß wo ich ansetzten kann und das es auch ein Leben ohne die Krankheit gibt. Ich muss bloß auch an der Ungeduld arbeiten die wir Menschen oft von Natur aus haben.

    Bei mir ist das Hauptproblem nicht mehr die Panik, (die bei mir vollständig verschwunden ist) sondern eher das Depersonalisieren und die Angst die dadurch verstärkt wird. Hattest du dieses Symptom auch als Begleiterscheinung? Wenn ja, wie ging es dir damit? Also was hat dir dabei geholfen?

    Viele liebe Grüße Wiebke

    • Andre

      Reply Reply 20. Januar 2019

      Es freut mich sehr, dass dir der Beitrag ein bisschen geholfen hat 🙂 Ich hatte auch mit Depersonalisation “zu kämpfen” im Endeffekt ist es aber nur ein ganz normales Stresssymptom. Lässt der Stress nach ( auch unbewusster Stress ), lässt auch dieses Gefühl wieder nach. Kopf hoch und lass dich nicht stressen 😉

  • Susann

    Reply Reply 27. Januar 2019

    Danke für den Beitrag. Was ist unter einer Depersonalisation zu verstehen? LG Susann

    • Andre

      Reply Reply 27. Januar 2019

      Ein Gefühl, als würdest du neben dir stehen und alles durch eine Art Schleier sehen.

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