Angststörung: Ursache Nummer 1…4 Minuten Lesedauer

Woher kommen Angststörungen überhaupt? Wieso ist die Zahl der Angststörungen in den letzten 20 Jahren regelrecht explodiert und liegt das Problem wirklich in der Kindheit? Alles Fragen, die man sich stellen sollte, wenn man betroffen ist.

Achtung: Ich bin weder Therapeut noch Arzt. Es handelt sich hier lediglich um meine Theorie, die auf meinen Erfahrungen und Beobachtungen basiert.

Ich kann die Aussage nicht mehr hören, dass so gut wie jede Angststörung ihre Wurzeln in der Kindheit hat. Die Karte wird nicht nur bei Angststörungen ausgespielt, sondern auch bei vielen anderen psychischen Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen oder PTSD.

Doch realisiert eigentlich niemand, welchen Einfluss unsere verkorkste Gesellschaft auf uns hat?

Es herrscht heutzutage für die meisten Menschen Rund um die Uhr ein Klima der Angst und Ungewissheit.

  • Unsichere Jobs
  • Negative Schlagzeilen in Zeitung und TV (Terror, Krieg und Gewalt)
  • Ein nicht schaffbares Arbeitspensum
  • Finanzielle Absicherung im Alter ist zu einem Glücksspiel geworden
  • Ständige Erreichbarkeit

Mal ganz abgesehen von den “natürlichen Faktoren”, über die ich hier schon einmal geschrieben habe -> Klick

Das alles sind Faktoren, die in den letzten zwei Jahrzehnten enorm angestiegen sind und etwas in uns auslösen. Stress. Und davon nicht zu wenig.

Bin ich der Einzige, der genau dort das Problem sieht?

Wenn wir dahingehend indoktriniert werden, täglich Angst zu haben, ist es dann noch verwunderlich, dass die Angst irgendwann die Überhand gewinnt und zur eigenständigen Erkrankung wird?

Wenn man sich die Statistiken zu der Entwicklung von psychischen Erkrankungen der letzten 20 Jahre anguckt, kann man die Verbindung nicht mehr leugnen.

Um das Ganze mal zu verdeutlichen, hier eine der besagten Statistiken -> Klick

Ich sage nicht, dass es keine Angststörungen aufgrund von Traumata oder anderen schwerwiegenden Erlebnissen gibt. Mir geht es hier lediglich um den raschen Anstieg der letzten Jahrzehnte, der meiner Meinung nach absolut auf die Schattenseiten unserer Gesellschaft zurückzuführen ist.

 

Der Kern der Angststörung

Eine Einsicht, die mich damals ein ganzes Stück weitergebracht hat, ist die, dass eine Angststörung eigentlich nichts weiter ist, als Stress durch Gedanken.

Angst im natürlichen Sinne, entsteht impulsiv. Wenn wir im Wald einem Bären begegnen, ist keine Zeit zum Nachdenken. Der Körper wird schlagartig mit Stresshormonen geflutet. Bei einer Angststörung sieht das Ganze jedoch etwas anders aus. Hier entsteht die Angst nicht impulsiv, sondern wird vom Betroffenen quasi selbst heraufbeschworen. Ich kenne es ja von mir selber: Tage oder sogar Wochen vor einer Situation, die für mich unangenehm war, lief das Kopfkino. “Was ist wenn…”, “es könnte das passieren…”.

Diese Gedanken bzw. dieses anhaltende Grübeln löst Stress in uns aus. Und wenn dann der Tag gekommen ist, haben wir unser System bereits so stark mit Stresshormonen überschwemmt, dass der Weg zur Panikattacke nicht mehr weit ist. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Zeit vor der vermeintlich schlimmen Situation immer um einiges schlimmer war, als die Situation an sich. Ein hartnäckiger Fehlglaube ist auch, dass Angstzustände und Panikattacken nur “psychisch Kranken” vorbehalten sind. Jeder noch so gesunde Mensch verspürt Angst und erleidet Panikattacken, wenn die Konzentration der Stresshormone im Blut hoch genug ist. Denn…

Stress = Angst

Aus biologischer Sicht gibt es absolut keinen Unterschied zwischen Stress und Angst. Beides ist ein und dasselbe: Ein Cocktail aus Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin.

Die Intensität wird von der Konzentration der Stresshormone in unserem Blut bestimmt. Hinzukommend spielt die Geschichte, die wir zu einer Stresssituation empfinden, eine entscheidende Rolle. Ängstliche Gedanken schütten zusätzlich mehr Stress aus als reine “Stressgedanken”. Ich denke es ist logisch, dass der Gedanke an den bevorstehenden Tod mehr Stresshormone ausschüttet als der Ärger über einen nervigen Arbeitskollegen.

Am offensichtlichsten, dass Stress und Angst ein und dasselbe Phänomen ist, ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass jedes Angstsymptom gleichzeitig ein Stresssymptom ist.

Schauen wir uns mal die häufigsten körperlichen Symptome einer Angststörung an:

  • Herzrasen
  • Schwindel
  • schwitzige Hände
  • Übelkeit
  • Zittern

Wenn man nach Stresssymptomen googelt, findet man was? Richtig! Genau dieselben Symptome.

 

Grundanspannung – Der kürzeste Weg zur Panikattacke

Um nochmal auf meine oben genannte Aussage “Diese Gedanken bzw. dieses anhaltende Grübeln löst Stress in uns aus. Und wenn dann der Tag gekommen ist, haben wir unser System bereits so stark mit Stresshormonen überschwemmt, dass der Weg zur Panikattacke nicht mehr weit ist.” zurückzukommen. Dafür verantwortlich ist unsere Grundanspannung. Jeder Angstpatient wird es kennen: An weniger stressigen Tagen, lässt auch die Angststörung meist weniger von sich hören. Ist man jedoch von Grund auf gestresst, steht auch die Angststörung schon mit einem Fuß in der Tür.

Die Grundanspannung entscheidet, wie viel Platz noch im Stressfass vorhanden ist, bis es überläuft. Außerdem wird jeder Sporttreibende und Meditierende folgende Situation kennen: Man hat den kritischen Wert erreicht und das Leben scheint wieder komplett aus dem Ruder zu laufen. Symptome sind in voller Intensität zu spüren. Jetzt geht man zum Beispiel eine Stunde laufen oder 30 Minuten meditieren. Die Symptome verschwinden in wenigen Minuten, da der Stresswert wieder unter den kritischen wert gefallen ist. Ich habe das Ganze mal grafisch dargestellt:

 

 

 

Ist die Grundanspannung zum Beispiel durch tagelanges Grübeln stark erhöht, braucht es nicht mehr viel, um den kritischen Wert zu erreichen, der das Stressfass letztendlich zum Überlaufen bringt. Das Ergebnis: Panikattacken und starke Angstzustände. Bei Angstpatienten ist die Grundanspannung meist um einiges höher, als bei Otto Normalverbrauchern. Deshalb reagieren Angstpatienten auf Stress auch ganz anders, als der Normalsterbliche. Denn das Fass weißt von Anfang an einen viel höheren Füllstand auf.

 

Rückfälle bei gleichbleibender Grundanspannung

Von Verfechtern der "Angststörungen sind nicht heilbar"-These hört man oft folgendes: Du bist nicht geheilt. Deine Symptome kommen wieder wenn du gestresst bist. Diese These ist tatsächlich richtig. Aber auch nur wenn man seine Angststörung wirklich nicht gänzlich überwunden hat. Das Problem hierbei ist, dass oft Heilung und Symptomfreiheit in einen Topf geworfen werden.

Jemand der seine Angststörung überwunden hat, weißt eine viel geringere Grundanspannung auf, als jemand der nur symptomfrei ist. Denn man kann auch symptomfrei sein, wenn man sich nur knapp unter dem kritischen Wert befindet. Der Schlüssel zur Heilung liegt meiner Meinung nach in der "Bekämpfung" der Grundanspannung. Das ist meist mit einer drastischen Änderung des eigenen Lebensstils verbunden. Läuft die Grundanspannung gegen null, läuft auch die irrationale Angst gegen null.

 

Wie man die Grundanspannung "bekämpft"?

Dazu einmal meine 3 wichtigsten Beiträge:

Meditation - Das mächtigste Werkzeug unserer Zeit

Unnatürliches Leben - Warum wir immer kränker werden

Selbstreflexion - Warum der Blick nach innen so wichtig ist

 

 


 

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3 Comments

  • LebenIst

    Reply Reply 18. Dezember 2018

    Liebe Andre,

    toller Blogeintrag! Stress und Angst werden zu Grundsteinen fast aller Volkserkrankungen.

    Diese führen schneller als gedacht zu Übergewicht, fördern das Rauchen, unterbinden Bewegung, und ehe man sich versieht landet man mit einem Infarkt im Krankenhaus.

    Auch toll, ist der Artikel zur Meditation! Da werde ich mir ein paar Sachen abgucken ! 🙂

    Wünsche dir besinnliche Feiertage

    • Andre

      Reply Reply 19. Dezember 2018

      Absolut! Der menschliche Körper ist einfach nicht für diese Art von chronischem Stress gemacht.
      Vielen Dank für die Blumen!
      Wünsche dir auch schöne Feiertage. Lass dich nicht vom Weihnachtschaos aus der Ruhe bringen 😉

  • Ines Hammer

    Reply Reply 19. Januar 2019

    Lieben Dank, dass du deine Ansichten zur Angststörung teilst und den Aspekt nicht alles kommt aus der Kindheit, sondern auch durch Gesellschaft/Umwelt, finde ich einen wichtigen Punkt. Schneller, höher, weiter – irgendwo sind die Grenzen und die Psyche macht nicht mehr so mit, wie wir erwarten. Viele Grüße Ines

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