Bewertest du noch oder lebst du schon? Warum Bewertungen dein Leben auf den Kopf stellen4 Minuten Lesedauer

Hast du dich schonmal in folgender Situation wiedergefunden: Dir begegnet eine bekannte Person, die du sofort als nervig empfindest, ohne das sie überhaupt ein Wort von sich gegeben hat? Wenn ja, dann wird sich dieses automatisierte Verhalten mit großer Wahrscheinlichkeit wie ein roter Faden durch dein ganzes Leben ziehen. Wie es dazu kommt, dass solche Bewertungen zustande kommen, wo die Gefahren liegen und was du dagegen unternehmen kannst – darum soll es heute gehen.

Bewertungen: Objektivität Fehlanzeige

Heutzutage neigen wir alle dazu, jede Situation, jedes Gefühl und jeden Menschen zu bewerten. Doch wie kommt es überhaupt dazu?

An sich sind die meisten Situationen und Gefühle erst einmal rein objektiv. Den Unterschied macht die Geschichte in deinem Kopf, die du mit diesen Gefühlen oder Situationen verbindest. Um das Ganze einmal zu verdeutlichen: Du triffst einen Freund wieder, den du lange Zeit nicht gesehen hast. Das gibt dir ein Gefühl von positiver Aufregung. Dieses Gefühl ist auf körperlicher Ebene genau dasselbe, wie das Gefühl von Ängstlichkeit. Das ist kein Märchen, sondern wissenschaftlich bewiesen.

Die Moral von der Geschicht’: Hier greift der Kopf und erfindet eine Geschichte zu beiden Situationen. Die eine Situation ist für den Kopf offensichtlich positiv, die andere negativ. Trotz gleichem Körpergefühl.

 

Negativer Automatismus

Wir haben es der Neuroplastizität zu verdanken, dass wir unser Gehirn ähnlich wie einen Muskel trainieren können. Aus dem Ruder läuft es jedoch, wenn du eine negative Grundeinstellung hast. Denn dann neigt dein Gehirn dazu, in jeglicher Situation automatisch in einen negativen Schaltkreis zu wechseln. Die negative Bewertung drängelt sich dann so gesehen an den Anfang der Schlange und macht dir das Leben zur Hölle.

Faustregel: Je öfter du etwas negativ bewertest, desto automatischer wird der Prozess, Situationen und Gefühle allgemein negativ zu bewerten. Das Gleiche gilt natürlich auch für positive Bewertungen.

Es ist ja kein Geheimnis, dass pessimistische Menschen in allem nur das Schlechte sehen. Das ist bei diesen Menschen keine Wahl mehr, sondern läuft automatisch ab.

 

 

Stress entsteht durch negative Bewertung

Auch Stress entsteht in den allermeisten Fällen nur durch die Geschichte in unserem Kopf. Der Stau auf der Autobahn ist nicht das Problem. Das Problem entsteht durch deine Gedanken die aufkommen und an denen du dich festklammerst. “Jetzt steh ich hier und verschwende meine Zeit. Ich komme vermutlich zu spät und mein Essen wird kalt.” Diese Geschichte ist der wahre Auslöser für deinen Stress. Natürlich wirst du nicht nur im Stau solche Geschichten erfinden, sondern zum Beispiel auch:

  • Auf der Arbeit
  • Im Haushalt
  • Im Bezug auf “nervige” Menschen

Wie ich bereits in meinem Beitrag “Warum Symptome nicht dein Problem sind” geschrieben habe, kann die negative Bewertung von Stresssymptomen dazu führen, dass diese Symptome stärker werden.

Denn negative Bewertung -> mehr Stress -> mehr Symptome und so weiter. Ein Teufelskreis.

Jeder bewertet anders

Das Bewertungen immer eine rein subjektive Sache sind, erkennt man daran, dass verschiedene Menschen ein und dieselbe Situation völlig unterschiedlich bewerten. Wie sagt man so schön: Was für die Spinne normal ist, ist Chaos für die Fliege. In die Bewertung einer Situation fließen immer die Erfahrungen, Wünsche und Sorgen einer Person ein. Da sich dahingehend jeder Mensch unterscheidet, ist auch die Bewertung einer Situation immer eine andere.

Um das Ganze einmal zu verdeutlichen, zitiere ich eine Textstelle aus meinem Anti-Stress-Programm: “Du erlebst es doch jeden Tag, dass andere Leute oder unangenehme Situationen dich stressen.
Doch sind wirklich die Anderen schuld? Ich möchte dir eine kleine Geschichte erzählen, die meinen Punkt verdeutlichen soll. Ein Mann wurde in seiner Kindheit von einem Hund gebissen. Noch heute laufen ihm die Schweißperlen über die Stirn, wenn er einem Hund begegnet. Er ist sichtlich gestresst. Sein Herz fängt an zu rasen und er würde am liebsten davonrennen. Der Hund ist ein Stressfaktor.
Betrachten wir nun eine zweite Person, die solch ein traumatisierendes Erlebnis nicht durchleben musste. Diese Person verspürt in Anwesenheit eines Hundes keine Stresssymptome. Ist der Hund also wirklich ein Stressfaktor?

Was ich mit diesem Beispiel zeigen will: Stressreaktionen, wie die oben erwähnte, werden durch eigene Erfahrungen geprägt.”

 

Eine positive Perspektive schaffen

Geschichten müssen nicht immer etwas Schlechtes sein. Du kannst diese Geschichten gezielt verwenden, um aus einer vermeintlich schlechten Situation etwas Gutes zu ziehen. Um hier mal ein absolutes Extrembeispiel zu bringen:

Eine dir nahestehende Person ist gestorben. Im ersten Augenblick kannst du daran sicherlich nichts Positives sehen. Doch sobald du dir eine andere Perspektive aneignest, siehst du zum Beispiel, dass der Tod diese Person vom Leid und von der Qual befreit hat. Natürlich wirst du dir in diesem Fall nicht denken: “Super”. Darum geht es aber auch nicht. Es geht darum zu verstehen, dass es kaum eine Situation gibt, die zu 100 Prozent negativ ist.

Krankheiten sind in den meisten Fällen sogar ziemlich hilfreich. Natürlich nur, wenn man sie als das sieht, was sie in Wirklichkeit sind: Ein Warnsignal des Körpers, dass etwas nicht so läuft, wie es eigentlich sollte. Die Krankheit ist ein Symptom und keine alleinstehende Ursache. Bau also keine unnötige Geschichte drum herum auf, sondern finde die Ursache. Mehr dazu findest du hier -> Klick

 

Der Kontext ist wichtig

Wie oft hast du dich schon dabei erwischt, dass du dir eine Meinung bildest oder etwas bewertest, ohne das du den Kontext kennst? Die Presse arbeitet bewusst mit solchen Tricks. Besonders über unbeliebte Personen schreibt die Presse, indem sie nur Teile einer Aussage im Raum stehen lässt. Der Kontext wird dabei bewusst ausgelassen.

Um dir einmal zu zeigen, wie wichtig Kontext ist, hier ein Beispiel: Ein Mann lebt mit seiner Familie in einem großen Haus, der Tisch ist immer reich gedeckt und finanzielle Sorgen sind nicht vorhanden. Alle sind gesund und munter. Das wünscht man im Endeffekt doch jedem. Ein Leben ohne Sorgen. Gut für diesen Mann und seine Familie, oder?

Wenn man erfährt, dass dieser Mann sein Geld durch die Ausbeute afrikanischer Kinder macht, sieht die ganze Geschichte jedoch ein bisschen anders aus, oder?

Bevor du etwas bewertest, hinterfrage dich selbst, ob du den Kontext kennst und ob eine Bewertung mit deinem Wissensstand gerechtfertigt ist.

 

Bewertungen überwinden

Du fragst dich sicherlich, wie man diese Bewertung abstellen kann. Achtsamkeit ist dafür wahrscheinlich eines der besten Werkzeuge. Denn durch Achtsamkeit lernst du deine Gedanken zu beobachten, ohne diese zu bewerten. Aber nicht nur das! Durch Achtsamkeit lernst du, voll und ganz im Jetzt zu leben. Du fragst dich jetzt sicherlich, was das mit Bewertungen zu tun hat. Ich erkläre es dir.

Deine Bewertungen basieren auf Erfahrungen. Erfahrungen sind logischerweise ein Teil der Vergangenheit. Dann bewertest du auf Grundlage deiner Vergangenheit vielleicht eine Situation, die noch gar nicht eingetroffen ist. Diese liegt in der Zukunft. So bist du mit deinem Kopf überall, nur nicht in der Gegenwart. Du lebst dann in der Illusion, dass die zukünftige Situation genauso eintrifft, da es in der Vergangenheit schließlich auch so war.

Wenn du einmal verstanden hast, wie diese Bewertungen funktionieren und entstehen, kannst du diese bewusst für dich einsetzen.

Fragen, die du dir stellen solltest:

  • Bringt mich diese Bewertung weiter oder bremst sie mich aus?
  • Kenne ich den Kontext, um mir eine Meinung bilden zu können bzw. eine Bewertung abgeben zu können?
  • Auch wenn es im Moment schlecht aussieht, gibt es vielleicht auch etwas Positives?
  • Beziehe ich meine Zukunft auf meine Vergangenheit?
  • In stressigen Situationen: Was denke ich gerade und was bewerte ich überhaupt? Den vermeintlichen Stressaulöser oder meine eigenen Gedanken?
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